04.09.2010

Nähe schaffen

Im Seelsorgeteam war natürlich auch der von Pastoralreferentin Ute Albrecht angekündigte Abschied Thema (falls sie zur Geistlichen Leiterin des kfd Diözesanverbandes Münster gewählt wird). Uns wurde die starke personelle Fluktuation bewusst, die unsere Gemeinde in den letzten Jahren erlebt hat. Das hat unsere Gedanken zum Thema „Beheimatung" gelenkt: Auch Hauptamtliche sind für Menschen ein Faktor der Beheimatung in einer Gemeinde. Und wenn eine Gemeinde in relativ kurzer Zeit viele Wechsel erlebt, kann das zu einem Verlust von Beheimatung führen.

Wir haben uns überlegt, dass wir im Seelsorgeteam ein Zeichen der Nähe zu den Menschen setzen möchten. Besonders im Anschluss an die sonntäglichen Messfeiern werden wir uns verstärkt „unters Volk mischen" und das Gespräch suchen (das Kirchencafe in St. Josef ermöglicht dies schon seit vielen Jahren in einladender Weise). Wir glauben, dass dies ein kleiner, aber wichtiger Beitrag sein kann, einer wachsenden Entfremdung und Distanz vorzubeugen.

Das wird u.a. die praktische Konsequenz haben, das auch in St. Marien künftig beim Gottesdienstabschluss die Reihenfolge sein wird: Schlussgebet - Schlusssegen - Lied zum Auszug.

Heinrich Plaßmann, Pfarrer

 

 

29.08.2010

Geistlich?

Nach meinem letzten Eintrag in dieser Rubrik kam ich ins Nachdenken: Gehört das, was ich niedergeschrieben habe, eigentlich hierher? Ist es das, was Menschen zu lesen erwarten, wenn sie „Geistlicher Impuls" anklicken?

Ja! habe ich mich schließlich beruhigt. Alltagsbeobachtungen gehören hierher. Denn eine geistliche Haltung drückt sich in Achtsamkeit aus. Sie drückt sich aus in der Wahrnehmung des Alltägliche wie auch des Besonderen... des Kleinen und Verborgenen wie auch des Großen und Ganzen.

Gerade mache ich eine Erfahrung, angesichts derer ich mich über die eigene Unachtsamkeit ärgere. Ich merke: Die Übung der Achtsamkeit ist eine ständige, lebenslange Begleiterin.

Ich möchte sie auf meinem Weg nicht missen.

Heinrich Plaßmann

 

 

27.08.2010

Ein historischer Tag in Ahaus...

Vermutlich hätten viele auf dieses "historische Ereignis Jahrhundertregen" verzichten können. Schon in der Nacht ging´s mir so, dass ich das Geräusch des ständigen Dauerregens nicht mehr ertragen konnte, denn das Wasser klopfte auch im Keller des Pfarrhauses nicht nur an, sondern trat beherzt ein. Somit begann auch mein Tag mit feuchter Arbeit. Nur gut, dass meine Gummitstiefel nicht im Keller standen, sondern in der 1. Etage greifbar waren.

Erst nach und nach ging mir Verlauf des Morgens dann auf, was an anderen Plätzen unserer Stadt und Umgebung los war...

An dieser Stelle möchte ich allen Menschen DANKE sagen, die in den vergangenen 24 Stunden unermüdlich für andere im Einsatz waren: Feuerwehr, Polizei, Technisches Hilfswerk, viele Freiwillige, die Krisenstäbe in den Rathäusern... Sicher ist diese Aufzählung nicht vollständig, darum mögen sich alle, die hier nicht erwähnt werden, ebenfalls angesprochen fühlen.

Respekt vor dem, was Sie geleistet haben! Wie die Betroffenen hatten ja auch Sie kaum Gelegenheit, sich auf diese Situation vorzubereiten: Schlagartig war die Not da - und Sie haben geholfen!

Vergelt´s Gott!

Heinrich Plaßmann

 

22.08.2010

Ein Platz im Himmel für Künstler

In Predigt und Evangelium geht es heute um das Jenseits: Wie gelange ich in den Himmel?

"Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln... Weil ich da nicht mehr denken und arbeiten kann. Dann hänge ich vielleicht irgendwo zwischen den Sternen rum und kann nichts tun, würde so gern helfen oder etwas machen, aber kann nichts machen. Ich habe leider ganz große Angst vor diesem Himmel."

Diese Worte stammen von dem Künstler Christoph Schlingensief, der im Alter von 49 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben ist. Künstler wie Schlingensief sind besondere Menschen: Sie ecken an, provozieren, rütteln auf... und sie stellen die Frage nach Gott. Besser: Sie stellen sich der Frage nach Gott. Auch Schlingensief hat sich intensviv mit Gott beschäftigt und auseinandergesetzt.

Ich vermute, dass die oben zitierten Worte ihn und seine Ringen mit Gott und dem Himmel unangemessen verkürzen. Ich weiß auch nicht, ob es letztlich in seinem Sinne wäre, aber ich wünsche ihm jedenfalls einen Platz im Himmel, an dem er, ein Mensch voll künstlerischen Kreativität, heimisch werden kann.

Heinrich Plaßmann

 

 

12.08.2010

Nicht ins Herz

Ich höre Musik. Die Rahmenbedingungen stimmen: Es ist Abend und das Zimmer dunkel (so kann ich mich aufs Hören konzentrieren), der Komponist gehört zu meinen „Lieblingen", die Musik wird von Kritikern gelobt, die Instrumentierung und der Musikfluss entsprechen dem, was mir gefällt...

Ich sitze da, höre - und spüre plötzlich - Nichts! Die Musik klingt zwar schön, aber es passiert nicht das, was mir oft beim Hören „meiner" Musik widerfährt: Sie ruft Emotionen wach, lässt mir das Herz aufgehen.

Das Herz bleibt diesmal unberührt.

Ich vermute, dass es Menschen mit dem Glauben ebenso gehen kann: Plötzlich ist da Kälte... Distanz... Fremde... verbunden mit tiefer Ratlosigkeit: Was ist geschehen? Was ist (uns) dazwischengekommen, Gott?

Ich schiebe das „Versagen" der Musik zunächst auf meine Müdigkeit. Ich setze darauf, dass sie zu einem anderen Zeitpunkt ihren Zauber entfalten kann. Und wenn es trotzdem nicht passt, bleiben mir Alternativen.

Für den glaubenden Menschen, der sich plötzlich einer „Gottferne" bewusst wird, ist der Weg oft sehr viel schwerer. Er sieht sich möglicherweise einer langen Durststrecke ausgesetzt...

Sollten Sie sich auf so einer Durststrecke befinden, wünsche ich Ihnen Geduld und den nötigen langen Atem. Ich wünsche Ihnen die Kraft, trotz- und alledem an Ihrer Gott-Beziehung festzuhalten. Und ich wünsche Ihnen den Zeitpunkt, an dem Sie spüren: Wir finden wieder zueinander!

Heinrich Plaßmann

 

 

08.08.2010

Das besondere Wort

Als wir gestern in St. Josef im Beisein unserer israelischen Gäste den Gottesdienst feierten, war mir dieses besondere hebräische Wort wieder präsent, das so aussagekräftig, gefüllt und umfassend ist... weil es seiner Definition nach "Unversehrtheit, Heil, Frieden bedeutet; es ist damit nicht nur Befreiung von jedem Unheil und Unglück gemeint, sondern auch Gesundheit, Wohlfahrt, Sicherheit und Ruhe... Der Friede, der allein versöhnt und stärkt, der uns beruhigt und unser Gesichtsbild aufhellt, uns von Unrast und von der Knechtung durch unbefriedigte Gelüste frei macht, uns das Bewusstsein des Erreichten gibt, das Bewusstsein der Dauer, inmitten unserer eigenen Vergänglichkeit und der aller Äußerlichkeiten." (Montefiore, 1858 - 1938, jüdischer Gelehrter).

Ich sage Ihnen dieses besondere Worte, liebe Leserin, lieber Leser - und wünsche Ihnen, was es bezeichnet:

SCHALOM

Heinrich Plaßmann

 

   

01.08.2010

Gedanken eines brasilianischen Bischofs 

Dom Clemente Jose Carlos Isnard ist ein 93-jähriger emeritierter Bischof in Brasilien. Das Mitglied des Benediktinerordens war Teilnehmer am II. Vatikanischen Konzil, an den Bischofskonferenzen von Medellin und Puebla und u.a. auch Leiter der Liturgiekonferenz der brasilianischen Bischofskonferenz.

Im Alter von 90 Jahren veröffentlichte er ein kleines Büchlein mit Gedanken über die Bedeutung der Teilnahme des Volkes an den Bischofsernennungen, den Zölibat der Priester, die Weihe von Frauen und die Rolle von Bischöfen im Ruhestand. Er weiß um die Brisanz seiner Gedanken, schreibt aber in seinem Vorwort, dass „jeder römisch-katholische Christ in seinem bescheidenen Rahmen zum Wohl der Kirche beitragen muss... Ohne Furcht und ohne Zögern!" Und er wiederholt zum Schluß, „dass jeder Katholik die Pflicht hat, etwas für ihre (die Kirche) Verbesserung zu tun. Ich habe meine Pflicht erfüllt."

Ich wünsche uns allen, dass auch wir im Rahmen unserer Möglichkeiten einen Beitrag leisten können zum Wohl und zur Verbesserung der Kirche.

Heinrich Plaßmann

 

 

25.07.2010

Schlagzeilen aus heiterem Himmel

Die Geschehnisse während des Ameland-Ferienlagers des Osnabrücker Sportbundes... die Toten der Loveparade in Duisburg... Solche Schlagzeilen kommen aus „heiterem Himmel": Ein Geschehen, das Spaß... Fun... Freude... bringen soll, mündet in eine Katastrophe.

Häufig folgen sogleich eine Vielzahl von Stellungnahmen und politischer Forderungen. Aber woher nehmen Menschen eigentlich die Courage... a) sich unmittelbar öffentlich zu exponieren und zu positionieren? ... b) öffentlich Beteiligte vorzuverurteilen? ... c) solche Ereignisse zu parteipolitischen Scharmützeln zu nutzen?

Ist der Drang nach Schlagzeilen - der Drang in die Schlagzeilen - so groß?

Gleiches geschieht aber auch, wenn Menschen auf der Straße miteinander über diese Ereignisse ins Gespräch kommen. Wie schnell sind wir mit Be- und Verurteilungen bei der Hand?

Vielleicht sollten wir lernen, wieder der Stille und dem Schweigen angemessen Raum zu geben... nicht zuletzt um der Opfer willen.

Heinrich Plaßmann

 

 

17.07.2010

Gedanken zum Sonntagsevangelium (Lk 10,38-42)

Liebe Marta,

wie unangenehm muss diese Situation für Dich gewesen sein: Der Herr kehrt als Gast bei Dir und Deiner Schwester Maria ein, Du tust und machst und kümmerst Dich, und als Du Dich über Deine untätige Schwester beklagst, musst Du Dir sagen lassen: „... Maria hat den guten Teil gewählt; der soll ihr nicht genommen werden."

Liebe Marta, hoffentlich hast Du Deinen Gast richtig verstanden: Jesus kritisiert ja nicht Deine Gastfreundschaft, aber... anscheinend übertreibst Du es damit. Aufgrund all Deiner Sorge kommt Dein Gast - kommt die Begegnung mit ihm - wohl zu kurz.

Du wirst sicherlich ein Mahl vorbereitet haben. Ich wünsche Dir, dass Du wenigstens da Zeit gefunden hast: Zeit, um in Ruhe essen... Zeit, um Dich in Ruhe mit ihm unterhalten... Zeit, die entspannt und vertieft vergehen kann... Mit dem Abräumen und dem Abwasch hattest Du es hoffentlich nicht so eilig!

Diese Zeit wünsche ich Dir (und all denen, die auch heute Deine eifrigen Schwestern - und Brüder - im Geiste sind)!

Heinrich Plaßmann, Pfarrer

 

 

12.07.2010

Frühschicht

Montagmorgen, 6 Uhr, Frühschicht in St. Josef. Wir singen das Lied „Sonne der Gerechtigkeit". In der 2. Strophe heißt es: „Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit..."

Ist dieses Lied nicht sehr aktuell? denke ich. Im Augenblick scheint die Kirche wie gelähmt angesichts der vielen Herausforderungen der Zeit. Und sie scheint verstärkt auf Sicherheit zu setzen, scheint die Kehrtwende in alte Zeiten zu suchen, in denen „die Welt noch in Ordnung war". In einem kritischen Rückblick auf das vergangene Priesterjahr beklagt z.B. Gisbert Greshake (geb. 1933, emeritierter Prof. für Dogmatik und Ökumen. Theologie) die verstärkte Wiederkehr eines vorkonziliaren Klerikalismus.

Aber eine Kirche, die sich auf Jesus Christus beruft und auf das Wirken des Heiligen Geistes vertraut, muss keine Angst vor den Menschen und den Strömungen im Hier und Heute haben. Sie darf sich getrost aufwecken lassen „aus dem Schlaf der Sicherheit". Sie darf furchtlos das Neue wagen...

Heinrich Plaßmann 

 

 

04.07.2010

Fast wie das Fußballfieber...

Aus der großen Fußballdürre brachen wir vor 10 Jahren auf, um das gelobte Land des erfolgreichen Fußballspiels zu finden...

Die erste Lesung des heutigen Sonntags aus dem Buch Jesaja (66,10-14c) erinnert mich beinahe an die Jubelstimmung, die auch am gestrigen Abend wieder unsere Stadt und das Land erfüllt hat:

Freut euch mit Jerusalem! Jubelt in der Stadt, alle, die ihr sie liebt. Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart. Saugt euch satt an ihrer tröstenden Brust, trinkt und labt euch an ihrem mütterlichen Reichtum! Denn so spricht der Herr: Seht her: Wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr und den Reichtum der Völker wie einen rauschenden Bach. Ihre Kinder wird man auf den Armen tragen und auf den Knien schaukeln. Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost. Wenn ihr das seht, wird euer Herz sich freuen, und ihr werdet aufblühen wie frisches Gras. So offenbart sich die Hand des Herrn an seinen Knechten.

Es ist schön, wenn Menschen sich freuen. Aber wenn ein 4:0 gegen Argentinien uns schon derart in Ekstase stürzt, was müsste da erst mit uns geschehen, wenn wir die Botschaft aus dem Jesajabuch "beim Wort nehmen" würden?

Reicht Ihre Phantasie aus, sich das vorzustellen?

Heinrich Plaßmann

 

 

27.06.2010

Wenn Gott vorbei kommt...

Mose und Elija erfahren in der Bibel den Vorübergang Gottes: Er kommt ihnen zum Greifen nah - und bleibt doch unbegreiflich.

Später wird Elija an Elischa vorübergehen. Er wirft ihm seinen Mantel über, ruft ihn aus seinem bisherigen Leben heraus und bestimmt ihn zum Propheten. Für Elischa wird es sein, als sei Gott selbst an ihm vorübergegangen.

Wenn Gott vorbei kommt... wenn Gott vorübergeht...

... ist die Wirkung mehr als nur beiläufig und vorübergehend.

Diese Begegnung bringt Menschen außer sich - und sie beginnen, die Welt zu verändern.

Heinrich Plaßmann

 

 

20.06.2010

Wo wäre ich heute, wenn...?

Die Frage nach Beheimatung, auch im sonntäglichen Gottesdienst (dem heutigen Predigtthema), hat mich zu weiteren Fragen geführt:

Wo wäre ich heute, wenn ich kein Priester geworden wäre? Würde ich mich in einer Gemeinde ehrenamtlich engagieren (in Fortsetzung meiner ehrenamtlichen Arbeit als Jugendlicher) - oder wäre der Punkt gekommen, wo ich mal eine Auszeit nehmen würde? Wie hoch wäre - als Ehrenamtlicher - wohl meine Frustrationsgrenze?

Wie sähe der Gottesdienst aus, in dem ich mich Sonntag um Sonntag wohlfühlen würde? Wäre ich ein "Gewohnheitstier": immer gleiche Zeit, immer gleicher Ort, immer gleicher Sitzplatz? Oder wäre ich Suchender und Aus-Wählender?

Oder hätte ich mich daran gewöhnt, mal zur Kirche zu gehen und mal nicht?

Diese Fragen sind letztlich nicht zu beantworten. Aber ich kann nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass ich in einem "anderen Leben" ein sonntäglicher Kirchgänger und ehrenamtlich engagiertes Gemeindemitglied wäre (auch wenn ich es mir gut vorstellen kann). Und wenn Sie nun diese Zeilen lesen, stellen Sie möglicherweise fest, dass auch Ihr Glaubensweg Höhen und Tiefen hatte und Zeiten sowohl der Distanz wie auch der Nähe zu Kirche und Gemeinde aufweist.

Vielleicht spüren wir an unseren eigenen Lebensspuren, dass Gott ein hohes Maß an Geduld und einen langen Atem besitzt... Ich finde das sehr tröstlich - und hin und wieder schenkt mir diese Erkenntnis eine beruhigende Gelassenheit. 

Heinrich Plaßmann